Geschichten gibt’s, die können schöner kaum sein. Viele viele langjährige Drachenbesitzer kennen dieses Gefühl des schwimmenden Familienmitglieds, Trennung scheinbar unmöglich und doch oft der einzig sinnvolle Schritt. Wenn dann das gute Stück in Hände kommt, die besser kaum sein könnten, wird aus einem Verkauf eine emotionale Geschichte, die sowas von typisch Drachen ist…
Ein Text von Christian Hemmerich und Stefan Gründt:
Der Drachen „Princess“ wurde im Winter 1961 gebaut und 1962 auf diesen Namen getauft. Die Princess gehört damit zu der begehrten Baureihe der zwischen 1959 und 1963 gebauten Drachen, die aufgrund ihrer hervorragenden Segeleigenschaften bis heute einen ausgezeichneten Ruf genießt. Bereits 1964 wechselte das Boot vom Ersteigner Alfred Gründt aus Berlin in die Hände des legendären Seglers Hans-Detmar Wagner, der vielen unter seinem Spitznamen „Nasenbär“ bekannt war. Bis heute erinnert der Hans-Detmar-Wagner-Preis, eine hochkarätige Drachenregatta am Gardasee, an sein seglerisches Wirken. Mit der Princess errang Hans-Detmar Wagner zahlreiche Regattasiege und machte das Boot weit über die Drachenklasse hinaus bekannt.
1972 übernahm Kurt Hemmerich den Drachen und gab ihm den Namen „Chaton“. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1980 ging das Boot in den Besitz seines Sohnes Christian Hemmerich über. Seit seinem 18. Lebensjahr segelte Christian die Chaton und hielt ihr über Jahrzehnte – bis heute – die Treue.
Gerade in jungen Jahren war es nicht immer einfach, den Unterhalt eines Regattabootes zu finanzieren. Um die Chaton segeln und erhalten zu können, übernahm Christian Hemmerich während der Ferien die unterschiedlichsten Arbeiten. Rückblickend waren diese Anstrengungen jede Mühe wert. Mit diesem außergewöhnlichen Schiff feierte er zahlreiche nationale und internationale Regattaerfolge. Unter anderem wurde er Ungarischer Staatsmeister sowie zweimaliger Sieger der International Dragon Classics.
Seit vielen Jahren engagiert sich Christian Hemmerich zudem im Deutschen Drachengeschwader als Koordinator der Holzdrachen in Deutschland. Mit großem persönlichem Einsatz setzt er sich für den Erhalt und die Pflege der klassischen Drachenflotte ein. Dieses Amt wird er auch nach der Übergabe der Chaton zunächst weiter ausüben.
Doch die Chaton war weit mehr als ein erfolgreiches Regattaboot. Sie war über Jahrzehnte ein treuer Begleiter, ein Stück Familiengeschichte und gab ihrem Eigner auch in schwierigen Lebensphasen Halt und Zuversicht.
Umso größer ist die Freude, dass die Chaton zum 1. September 2026 nach Berlin in die Familie ihres Ersteigners Alfred Gründt zurückkehrt, der ein Zwillingsbruder des langjährigen Drachenseglers Rudolf Gründt ist und dessen Enkelin Magdalena Gründt das Boot nun gemeinsam mit ihrem Vater Stefan Gründt übernehmen wird.
Magdalena Gründt und ihr Vater Stefan gehören seit vielen Jahren zu den beständigen Drachenseglern mit regelmäßigen internationalen Regattateilnahmen. Mit ihrer großen Erfahrung und Begeisterung für den Drachen werden sie die Geschichte dieses außergewöhnlichen Bootes fortschreiben. Zugleich beabsichtigen Stefan und Magdalena zukünftig auch ein aktiver Teil der Classic-Drachen-Szene zu werden.
Für Christian Hemmerich ist diese Übergabe etwas ganz Besonderes. Es erfüllt ihn mit großer Freude, dass sich mit Magdalena und Stefan Gründt neue Eigner gefunden haben, die die Geschichte, den Charakter und den ideellen Wert dieses außergewöhnlichen Drachen ebenso zu schätzen wissen wie er selbst.
Nach mehr als fünf Jahrzehnten im Besitz der Familie Hemmerich kehrt das Boot damit zu seinen Wurzeln und in die Familie seines Ersteigners zurück. Einen besonderen Stellenwert hat dabei auch der voraussichtliche künftige Schiffsname: Zwar wird der Drachen nicht wieder „Princess“ heißen, doch der neue Name wird bewusst an den Ersteigner Alfred Gründt erinnern und damit die Verbindung zur Geschichte des Bootes auf besondere Weise bewahren.
2027 werden die 7. International Dragon Classics in Berlin ausgetragen. Für Magdalena und Stefan Gründt bildet diese Veranstaltung einen besonderen seglerischen Einstieg in die Classic-Drachen-Szene als neue Eigner. Mit ihrem traditionsreichen Drachen können sie erstmals bei einer der bedeutendsten Regatten der klassischen Drachenflotte im alten und neuen Heimatrevier an den Start gehen – ein schöneres Debüt könnte es kaum geben.
So werden die Geschichte und die Tradition dieses klassischen Drachen mit großer Wertschätzung fortgeführt. Dass sich der Kreis ausgerechnet in Berlin – am ersten Heimatort des Bootes im VSaW und mit den International Dragon Classics 2027 – schließt, könnte kaum schöner sein. Ein vielversprechenderes neues Kapitel ließe sich für diesen traditionsreichen Drachen kaum wünschen.
Geschrieben von: Christian Hemmerich & Stefan Gründt | Tutzing/Berlin im Juli 2026
